Spielleut

Irgendwo zwischen Taverne und Bühne sind sie zu finden: Die Spielleut von Cantus Levitas. Mit ihrem Liedgut, das sich von urschwäbischen Balladen bishin zu arabischen Melodien erstreckt, malträtieren sie gnadenlos nicht nur ihre eigenen Trommelfelle, die von Sackpfeifen, Cister und Schalmeyen begleitet werden. Wer sich auf ein paar ruhige Minuten freut, hat leider Pech gehabt. Denn wenn der dickste Klumpfuß mit der größten Warzengeschwulst sich weigert, die höfische Tanzart zu erlernen, so ist ihm der Spott der Menge – oder zumindest der redsamen Musiker – sicher. Besonders aber wird das Weibsvolk in Wallung gebracht, sobald der schöne Philipp und Knaus vom kurzen Stecken eines der betörenden Liedlein singen, welches die seltsamen Gestalten auf einer ihrer Straßenmusik-Touren aufgeschnappt haben. Spätestens aber, wenn Eduard vom Glockenturm seinen Prachtkörper zum Tanz bewegt, Mattes Marktsau und der Ungersven sich gegenseitig die Melodien in die Gehörgänge pfropfen, während Tobijjah Feuerbart wie besessen die Paukenknüppel schwingt, johlt der Pöbel.

Die Musici:

Eduard vom Glockenturm (Percussion, Stock, Tanz)

Es gibt nur wenige Musikanten, die eine ähnliche schwere Zeit wie Eduard durchgemacht haben. In seiner Kindheit und Jugend wurde er ständig wegen seiner starken Behaarung, der verkrümmten Körperhaltung und der Kräuterkunde seiner Mutter von den anderen Jugendlichen beschimpft und ausgegrenzt. Zur Sicherheit wurde er in einem einsamen Glockenturm im nahen Nonnenkloster untergebracht, wo er so manche große Glocke läutete.

Erst als er vom Tode seiner geliebten Mutter erfuhr, verließ er den Turm wieder. Er kehrte nach Hause zurück, beerdigte die Dahingeschiedene und schnitze sich aus ihrem Holzbein ein Instrument, auf dem er an ihrem Grab die traurigste Melodie spielte, die je ein Mensch gehört hat. Man sagt, er habe soviel Schmerz in diese Melodie gelegt, dass er bis heute keine Trauer mehr verspüren kann.

Seither nutzt er sein einzigartiges Instrument, um die Musik der Truppe Cantus Levitas zu bereichern und verzückt mit seinen auf den weiten Reisen erlernten, elegant höfischen Tänzen jegliches Publikum, egal ob in der Gosse oder auf den schicksten Schlössern.

Mattes Marktsau (Sackpfeife, Schalmei, Geschrei)

Mattes trieb sich jahrelang als Taugenichts, Tagedieb und Schwätzer durchs Leben. Während andere Menschen arbeiteten, schlief er stets, bis die Sonne am höchsten stand, um dann die Nächte durchzuzechen. Die einzigen Gaben, die ihm der Herr geschenkt hatte, waren ein großer Durst und eine unglaublich laute Stimme. Diese machte er sich an jedem Markttag zu nutzen, wenn er irgendwelchen Unrat für Unsummen feil bot und so leichtgläubigen Trotteln die Taler aus den Taschen zog. Irgendwer fand sich eigentlich immer, so schwer dies auch zu glauben ist.

Gerade, als Not am Mann war, niemand ihm mehr glauben wollte und er in allen Tavernen Hausverbot hatte, bot sich ihm die Möglichkeit, als Spielmann durch die Lande zu ziehen. Wann immer er die wilde Truppe von Cantus Levitas ankündigt, kann man sicher sein, dass die ganze Stadt davon erfährt. Aber nicht nur seine laute Stimme ist dienlich, nein, auch hat er sich passend dazu das lauteste auffindbare Instrument ausgewählt, damit die Musik ja nicht zu überhören ist.

Während er nicht gerade trötet, ist er meist an der Theke zu finden, um seinen wahren Lohn einzufordern und seinen unstillbaren Durst zu mindern. Wenn ihr also überlegt, die Spielleut Cantus Levitas auf eure Festivität zu laden, dann achtet darauf, dass die Fässer gut gefüllt und die Schnäpse stark sind.

Ungersven (Sackpfeife, Schalmei)

Es gibt Legenden von einem Urvolk, den Hajducken. Diese ernährten sich den Erzählungen nach nur von dem, was sie mit ihren Fingern unter der Rinde der Bäume hervorkratzen konnten: von Insekten, Würmern, Maden und ähnlichem Getier. Aufgrund dieser Mangelernährung wurden sie nur sehr klein und auch ihr Gehirn war eher unterdurchschnittlich entwickelt.

Ob es dieses Volk nun gab oder nicht, der Ungersven könnte definitiv einer der letzten dieser Art sein. Während er dank seiner winzigen Gestalt stets ausgestoßen und gepeinigt wurde, eignete er sich heimlich die gefährlichsten Kampftechniken an, stemmte Gewichte und baute bis dato unbekannte Waffen. Als nun in seinem Heimatdorf ein Zwergenweitwurf-Wettbewerb veranstaltet wurde,  bei dem er die Hauptrolle zu spielen hatte, war es soweit. Er streckte sämtliche Einwohner nieder und zerlegte den gesamten Ort, bis nur noch Schutt und Asche übrig blieben.

Nachdem er untergetaucht und geflüchtet war, traf er auf die einzigen Menschen, die ebenso geächtet und verspottet wie er selbst waren: die Spielleut Cantus Levitas. So baute er sich schleunigst aus einer auf der Flucht in den Bergen erlegten Ziege ein Instrument mit möglichst langen Tröten und extremer Lautstärke, um seine eigene Winzigkeit zu kompensieren, und spielte darauf die schnellsten Melodien, die ihm einfielen. Seither können die Spielleut ihr Publikum ungehemmt beleidigen, da sie im Falle einer Auseinandersetzung immer auf der Siegerseite stünden.

Knaus vom kurzen Stecken (Gesang, Trommeln, Cister)

Mit seiner allzu herzzerreißenden und schmeichelnden Stimme und dem gar lieblichen Gesang, eroberte Knaus vom kurzen Stecken, der seinen Namen nicht zu unrecht trägt, schon allzu viele junge Maiden. Ständig auf der Flucht vor wilden Vätern und aufgebrachten Ehegatten, die ihm an die Gurgel wollen, landete er schließlich bei den Spielleuten von Cantus Levitas, wo er seinem Hand- und Steckenwerk nun ganz öffentlich nachgehen kann und dafür sogar noch Anerkennung erntet.

Im Gepäck hat er jede Menge Lieder und Balladen, die Geschichten von der Liebe und dem damit verbunden Glück, aber durchaus auch von Glück ganz ohne Liebe erzählen. Eigene Erfahrungen mit wählerischen Vätern und französischen Häusern mit roten Laternen und willigen Damen hat er in Verse gepackt und singt sie mit gar lieblichen Melodien. Wenn dann die Damenwelt dahinschmilzt erinnert er sich an sein altes Handwerk und wird seinem Ruf nur allzu gern gerecht, wenn er mit dem Stecken stochert.

Darum seid gewarnt, all ihr Väter, Mütter und Ehegatten, sperrt alles Weibliche zu Hause ein, wenn es heißt, dass die irre Spielmannstruppe in den Ort kommt!

Philipp der Schöne (Schlagwerk, Gesang, Cister)

Als Sohn wohlhabender Kaufleute aus Transsylvanien war Philipp immer bestens versorgt: wenn er um die Mittagszeit nach einem langen Schönheitsschlaf erwachte, standen bereits die feinsten Speisen und Weine auf dem Tisch. Durch heiße Bäder in Milch und Honig sowie stetigen Mangel an Arbeit blieb seine Haut weich, rein und rosenzart. Diese Ausgeburt der Schönheit war der Traum einer jeden Dame.

Als seine Eltern aber ihrer Arbeit Früchte ernten und den schönen Philipp ihm Rahmen einer wirtschaftlich sehr rentablen Partie mit die sehr alten und noch wesentlich hässlicheren Gräfin Agnès Sorel, die auch die Hexe von Mulhouse genannt wurde, verheiraten wollten, blieb ihm nur noch die Flucht.

Zerlumpt, heruntergekommen, wettergegerbt und fast verhungert, da er einen halben Tag nichts gegessen hatte, landete Philipp schließlich bei den Spielleuten von Cantus Levitas. Da er nie gelernt hatte, zu arbeiten, und dazu ehrlich gesagt auch zu faul war, wurde er eben Musiker. Die Speisen waren nun zwar nicht mehr die besten, dafür die Getränke die stärksten. Und ab und an erstrahlt auf den erleuchteten Bühnen noch ein kleiner und kaum zu erahnender Schimmer der Schönheit, die ihn einst ausgezeichnet hatte.

Tobijjah Feuerbart (Davul)

Der ehemalige Eremit, der stets beim Spiel mit Feuer meditierte und so in seinem tiefsten Innern nach dem suchte, was die Welt zusammenhält, wurde durch einen dummen Zufall zum Sündiger gegen die sich selbst auferlegten Regeln der Keuschheit. Beim Streben nach Läuterung zog es ihn zu den Menschen. Unglücklicherweise fand er dabei ausgerechnet Eduard vom Glockenturm, dem er seine Frevel beichtete und nach Rat suchte. Im Rahmen eines Gesprächs, dass die ganze Nacht unter reichlich Einwirkung von Gerstensaft und giftgrünem Absinth geführt wurde, überzeugte Eduard den Eremiten, die Sache mit den Regeln nicht allzu eng zu sehen und stattdessen das Leben zu genießen.

Inzwischen ist Tobijjah selbst davon überzeugt, dass Erkenntnis eher durch heftigen Konsum von Bier, Wein, Met und Schnaps als durch Meditation zu erlangen ist. Und die beste Möglichkeit, jeder Zeit an das köstliche Nass zu kommen, ist das Leben als Spielmann. So schloss er sich nur allzu gerne den Musikern von Cantus Levitas an. Hierdurch ist er inzwischen mit Sicherheit zu einem der am meisten Erleuchteten Menschen der bekannten Welt geworden.

Seinen inneren Gleichklang überträgt Tobijjah nun äußert geschickt auf seine Trommeln und gibt so den Takt, nachdem die ganze Meute tanzt. Von Zeit zu Zeit packt er auch seine alten Meditationsutensilien aus und wenn die erste Scheune in Flammen steht, der erste Rockzipfel lodert, das erste Dorf abgebrannt ist, kann man sich sicher sein, dass jeder der Anwesenden nun eine Ahnung davon hat, warum der Irre mit den Fackeln „Feuerbart“ genannt wird.

Die ganze Geschichte

1
Als er aufwachte, streifte eine sanfte Brise das Gesicht des Knaus vom kurzen Stecken. Sie roch nach frisch gemähtem Gras und duftenden Blüten. Doch da war noch etwas anderes. Kalter Schweiß. Mit müdem Blinzeln blickte er neben sich und erkannte die Dorfschönheit, deren bloßer Körper neben ihm auf der Wiese lag. Und obwohl er sich an den vergangenen Abend kaum erinnern konnte, wunderte er sich nicht, war er doch seit jeher dafür berüchtigt, den jungen Dingern den Kopf zu verdrehen. Er wurde zwar Knaus vom kurzen Stecken genannt, allerdings war er dazu in der Lage, mit diesem Stecken gar vorzüglich zu stochern.
Und während dieser Stecher in Erinnerungen an die vergangene Nacht schwelgte, bemerkte er ein aufgebrachtes Rufen in der Ferne, welches sich langsam näherte. Es war die wohlbekannte Stimme von Wachtmeister Idefix, der sicher wieder irgendeinem Langfinger hinterher hetzte. Die Augen von Knaus ergötzten sich derweil an den ansehnlichen Rundungen seiner Bekanntschaft. Wo hatte er diese Maid noch einmal kennen gelernt? Irgendwie kam sie ihm bekannt vor.
Allmählich, während sein Stecken zum Stab wurde, begann er langsam, die Rufe des Wachtmeisters zu verstehen. „Weib, wo bist du? Ich habe die ganze Nacht auf dich gewartet. Wo treibst du dich herum?“
In diesem Moment wusste er, dass es nur noch eines gab, was er tun konnte. Rennen.

2
Wolfsmensch hatten sie ihn genannt, weil er etwas überdurchschnittlich behaart war. Zwar an jeder erdenklichen Stelle, aber mit einem Wolf konnte er doch absolut nicht mithalten. Naja, zumindest mit den meisten nicht.
Quasimodo hatten sie ihn genannt, weil er einen etwas ausgeprägteren Rücken als die meisten anderen Jungen im Dorf hatte. Gut, sein Buckel war größer als sein Kopf, aber dank seiner verkrümmten Körperhaltung fiel der kaum auf. Zumindest nachts.
Hexenkind hatten sie ihn genannt, weil seine Mutter sich gut mit Heilkräutern auskannte. Aber außer einiger Rauschzustände waren da keine übernatürlichen Mächte am Werk.
Nachdem er von den anderen Jugendlichen inzwischen täglich verprügelt wurde, hatte seine Mutter genug. Eduard wurde von ihr zu seinem eigenen Schutz ins nächste Kloster gebracht. Doch auch die Nonnen dort konnten seinen Anblick keine lange Zeit ertragen. Sie sperrten ihn in den Glockenturm, wo er zu jeder vollen Stunde läutete. Man vermutet, dass er zu dieser Zeit seine Vorliebe für große Glocken entwickelte. Und diese Vorliebe war so stark ausgeprägt, dass er inzwischen nur noch „Eduard der Glöckner“ genannt wurde.
Ja, er hatte sich mittlerweile gut mit seinem Leben im Turm abgefunden. Er lebte einsam und allein in den Tag hinein und ab und an verirrte sich auch eine vom Inkubus getriebene Nonne ins dunkle Gemäuer.
Der heutige Besuch aber war anderer Natur. Die Oberschwester des Klosters, welche übrigens annähernd so stark behaart war wie Eduard, brachte ihm eine traurige Nachricht, die sein Leben auf den Kopf stellen sollte. Eduards geliebte Mutter war des Nachts von einigen Übeltätern in ihrem eigenen Haus gemeuchelt worden. Der Tag war gekommen, an dem Eduard sich wieder unter Menschen wagen musste. So trottete er benommen zu seiner Geburtsstube, nahm sich das Holzbein seiner Mutter, schnitze daraus eine Rebec, die er mit seinen Tränen tränkte, und spielte an ihrem Grab die traurigste Melodie, die je ein Mensch gehört hatte. Man sagt sich, er habe derart viel Wehmut in diese Musik gesteckt, dass sein Herz bis heute nicht mehr in der Lage ist, düstere Gedanken zu hegen.
Nun blieb nichts mehr, als sich auf den Weg zur nächsten Stadt zu machen, um dort Ablassbriefe zu erwerben, auf dass Eduards Mutter nicht allzu lange im Fegefeuer schmoren würde. Und so begann Eduards lange Reise.

3
Oh ja, Philipp war schön. Und ja, er hatte auch jede Menge Zeit, sich um seine optische Pracht zu kümmern. Seit seine Eltern aus dem finsteren Transsylvanien ausgewandert waren, hatten es die beiden Kaufleute hier mit allerlei Geschäften zu erheblichem Reichtum gebracht. So wuchs Philipp der Schöne wohl behütet auf und bekam alles, was er sich wünschte. Nichts in der Welt hätte ihn auch nur um eine seiner exquisiten Mahlzeiten oder um eine Stunde seines Schönheitsschlafes bringen können.
Als er an diesem Vormittag erwachte, kitzelte ein warmer Sonnenstrahl seine Nasenspitze. Auf den Bäumen sangen die Vögel und im ganzen Haus roch es bereits nach köstlichem Rehbraten, der extra für ihn zubereitet wurde. So hatte ein Tag zu beginnen. Nach seinem Bad in Milch und Honig machte sich Philipp auf den Weg in den Speisesaal, wo seine Eltern bereits auf ihn warteten. Der Vater hatte sein feines Sonntagsgewand an, das Gesicht der Mutter strahlte vor Freude.
„Wir haben wundervolle Neuigkeiten für dich, mein Sohn,“ sprach der Vater. „Ein Abkommen wurde getroffen, was uns zu einer der einflussreichsten Familien des ganzen Landes werden lässt. Ja, mein Sohn, du wirst heiraten. Und zwar nicht irgendjemanden, sondern die Gräfin Agnès Sorel aus dem Elsass. Gleich nächste Woche wird deine Hochzeit sein. Wir freuen uns so für dich.“
Exakt in diesem Moment erbrach sich Philipp auf den Holzboden vor sich. Agnès Sorel also, die auf der Straße auch „die Hexe von Mulhouse“ genannt wurde. Und das zurecht. Sie hatte nur noch drei Zähne im Mund, ihr zotteliges Haar stand in sämtliche Himmelsrichtungen von ihrem wirren Schädel ab, das Haar unter ihren Achseln reichte bis zur Hüfte und aus sämtlichen Poren stank sie schon des Morgens nach billigem Schnaps. Und diese Frau sollte der schöne Philipp also heiraten? Bei dem Gedanken erbrach er sich erneut.
„Ähm, ja Vater, ich freue mich auch. Welch Ehre. Leider ist mir schlecht. Ich sollte an die frische Luft gehen. Ich werde mich auf einen gemütlichen Ausritt begeben. Bis später!“
Und er ritt. So schnell er konnte, Tag und Nacht, bis sein Pferd tot unter ihm zusammenbrach.

4
Es war einer dieser schwülen Sommerabende zu exakt jener Stunde, als die Sonne gerade hinter den Gipfel am Horizont verschwunden war und die ganze Welt in mystisches Licht hüllte. Auf einer kleinen Insel, die zwischen zwei Bachläufen lag, begann Tobijjah mit seinen Vorbereitungen. Der Eremit lebte schon lange Zeit einsam und fernab jeglicher Menschen, um seinen Geist vollkommen mit Glauben anzureichern. Besondere Spiritualität erfuhr er bei seinem meditativen Spiel mit Feuer. Während grelle Flammen um ihn wirbelten, konnte er in seinem tiefsten Innern ruhen.
Tobijjah fuhr sich nachdenklich durch seinen dicht gewucherten Bart. Absolute Stille umgab ihn. Selbst die Grillen schwiegen, wenn das Spektakel beginnen sollte, das für keiner Menschen Augen bestimmt war. Die Feuerbälle der Pois tanzten durch die Dunkelheit, wie verzaubert um einen geheimnisvollen Mittelpunkt. Nach einiger Zeit war der Höhepunkt erreicht. Tobijjah hielt sich eine Fackel vors Gesicht, um eine gigantische Flammenwolke in die Nacht zu spucken. Für drei Sekunden ward es taghell. Schweißgetränkt und vollkommen erschöpft sank der Eremit zu Boden. Wärme durchströmte seinen Körper. Er spürte sie im tiefsten Innern, in seinen Gliedern und im Gesicht. Im Gesicht ganz besonders. Besonders heiß. Es roch verdächtig nach verbranntem Haar. Verdammt! Tobijjah Feuerbart hatte seinem Namen wieder einmal alle Ehre gemacht. Mit schmerzverzerrtem Blick sprang er auf und sprintete zum Bach. Man hatte ihn nie zuvor so schnell laufen sehen. Er kniete sich ans Ufer und steckte den Kopf ins kühle Wasser. Erlösende Tropfen rannen ihm über die Wangen, als er den Blick gen Himmel reckte. Dem Herrn sollte gedankt sein für diese Rettung.
Auf einmal meinte Tobijjah, ein leises Schluchzen zu hören. Unmöglich, weit und breit lebte kein Mensch. Ein paar Schafe, einige Kühe, ja, aber kein Mensch. Das Schluchzen wurde zu einer dünnen Stimme, die vom anderen Bachufer rief. „Werter Herr, helft mir! Auf meinem Heimweg habe ich mich verlaufen und plötzlich galoppierte ein Reiter auf mich zu und überwältigte mich. Seine Augen waren vor lauter Gier weit aufgerissen. Ich war mir sicher, dass er nach meiner Unschuld lechzte. Alles, was er mir aber nahm, waren meine Speisen, die ich vom Markt geholt habe. Als dann ein Feuerball die Nacht erhellte, bekam er es mit der Angst zu tun und ritt davon.“
„Habe keine Angst, meine Liebe“, sprach Tobijjah. Konnte er das wirklich tun? Er musste. „Ich könnte dich theoretisch nach Haus geleiten, damit dir kein weiteres Unglück widerfährt.“
So stiefelten die beiden durch die Dunkelheit bis ins ferne Niederhofen, wo die junge Dame lebte. Vollkommen erschöpft sank Tobijjah nieder, lehnte aber das Angebot, bei ihr zu nächtigen, ab. Solche Unkeuschheiten waren im strengstens untersagt. Er legte sich vor die Tür und verbrachte die restliche Nacht auf dem kratzigen Jute-Fußabtreter.
Als die ersten Sonnenstrahlen ihn weckten, resümierte er die vergangenen letzten Stunden. Was hatte er nur verbrochen? Gegen mindestens zwanzig der sich selbst auferlegten Regeln hatte er verstoßen. Nein, er hatte nicht nur seine Insel verlassen, er hatte eine Frau angesehen und sogar bei ihr geschlafen. Zumindest recht nah bei ihr.
Konnte der Herr ihn so noch lieben? War er verdammt ins ewige Feuer? Tobijjah brauchte Gewissheit und machte sich auf den Weg, um einen Glaubensbruder zu suchen, dem er seine Sünden beichten konnte.

5
Ungersven war unglaublich klein. Man könnte ihn fast schon winzig nennen. Wenn die anderen Kinder im Dorf ihre Arme ausstreckten, konnte er diese lediglich durch Springen erreichen. Seit er denken konnte, half er seiner Mutter in ihrer Dorfschusterei. Durch seine geringe Größe konnte er hervorragend Nähte auch innerhalb der Schuhe anfertigen und unter den endlosen Regalreihen umherkrabbeln.
Während sein Zwergenwuchs für seine Mutter einen unglaublichen Vorteil darstellte, litt er selbst aber täglich darunter. Die anderen Kinder verspotteten ihn, spielten ihm Streiche und versteckten seine Sachen an Stellen, die er nicht erreichen konnte. Dies alles konnte er ertragen. Wenn aber ab und an die Jungen und auch die gröberen Mädchen ihn packten, um zu sehen, wer ihn denn am weitesten werfen könnte, wünschte er sich, nie geboren worden zu sein.
Eines Tages aber sollte sich alles ändern. Ein geheimnisvoller Fremder hatte in der Schusterei seine Tasche vergessen, die versehentlich unter ein Regal gerutscht war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Ungersven sie entdeckt hatte. Als er sie öffnete, fand er darin diverse Klingen, Schlingen und ein Buch mit dem Titel „Der Weg des Assassinen – Attentate für Dummies“. Bei jeder Gelegenheit las er einige Zeilen, bis er alles wusste, was er musste. Von da an schlief er keine Nacht mehr. Es gab keinen Felsen, den er nicht gestemmt hatte, keinen Baum, auf den er nicht geklettert war, kein Tier, das er nicht erlegt und keine Waffe, die er nicht gebaut hatte. Als junger Erwachsener war er der gefährlichste Mensch der Gegend, und keiner wusste davon. Lange ließ er alles über sich ergehen, wusste, das die Zeit noch nicht gekommen war, konnte sich zügeln.
Dann aber war es soweit. Das komplette Dorf veranstaltete einen Wettkampf, bei der Zwerg geworfen werden sollte. Der grobe Marten packte ihn, stemmte ihn in die Luft und schleuderte ihn, soweit er konnte. Ungersven allerdings streckte sich in der Luft und brach dem dämlichen Bors, der die Weite messen sollte, mit einem gezielten Tritt das Genick. Die Meute stürzte sich auf Ungersven.
Eine halbe Stunde später lag das Dorf in Schutt und Asche. Lediglich die Schusterei stand noch. Da er nicht wollte, dass die Verwüstung auf seine Mutter zurückfiel, wurde er zum Schatten und floh, um niemals zurückzukehren.

6
Seit Tagen schien die Sonne unerbittlich auf Helibrunna herab. Die ganze Stadt war wie gelähmt, die Reben auf den Weinbergen rundherum verdorrt, jeder Tropfen Wasser wurde zum kostbaren Schatz. Und doch kehrte heute etwas Leben in die staubigen Gassen zurück. Es war Markttag. Ein Feiertag für Mattes, der von einigen nur „die Marktsau“ genannt wurde. Er lebte für und auf dem Wochenmarkt. Ständig hatte er eine andere Geschäftsidee, die er mit seinem donnernden Geschrei über den ganzen Platz hinweg anbot. Und es gab immer wieder Volltrottel, die darauf herein fielen. So hatte bereits seine eigene Pisse als Wunderheilmittel gegen Brechdurchfall verkauft, verrostete Filznadeln als speziell behandelte Pestbeulenstecher und auf der Straße gefundenen Holzschrott als Reliquien vom Kreuze Jesu. Diese gab es, je nach Geschmack, in den unterschiedlichsten Holzarten.
Heute allerdings hatte er eine neue Masche. „Werter Pöbel, hört mich an!“, schrie er dem Volk entgegen. „Ich bin der heilige St. Kilian und aus dem fernen Irenlande hier zu euch gereist, um euch mit Gottes Segen bei sämtlichen Problemen zu helfen. Selbst der Papst nimmt meine Dienste in Anspruch, wenn er wieder einmal keine Ahnung hat, was er tun soll. Und doch bin ich nicht teuer. Bezahlt mich einfach mit Bier, und alle eure Wünsche werden in Erfüllung gehen.“
Doch keiner kam. Sämtliche Getränkevorräte der Stadt waren zur Neige gegangen. Nein, heute war kein guter Tag. Nachdem Mattes bereits zum fünften Mal seine Hilfe angepriesen hatte und noch immer nicht in der Lage war, seine trockene Kehle mit kühlem Bier zu benetzen, wendete er sich enttäuscht ab. Was sollte er nur tun? Er konnte doch nichts, als Leute zu verarschen. Oder müsste er sich nun etwa nach redlicher Arbeit umsehen, die es ihm nicht mehr ermöglichte, den ganzen Tag faul im Stroh zu liegen, um dann die Nächte durch zu zechen? Aufstehen, bevor die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte? Unmöglich. Verzweiflung machte sich breit.
„Eure Heiligkeit?“, rief es hinter seinem Rücken. Mattes drehte sich um und sah fünf Gestalten, die ihn neugierig anstarrten. Schon fand sein dämliches Grinsen den Weg zurück ins Gesicht.
Der erste, der ihn ansprach, hatte komischerweise keine Hose an. „Eure Heiligkeit? Ihr müsst mir helfen! Ich suche Zuflucht, da ich vom Wachtmeister Idefix verfolgt werde. Ich verbrachte die Nacht mit seiner Frau, jetzt jagt er mich. Wenn er mich erwischt, wird er mir mein Gemächt abhacken.“ Verzweiflung prägte seine Miene. Mattes richtete den Blick nach unten und doch konnte er zwischen seinen Beinen keinen Strick baumeln sehen. Viel gab es ja wohl nicht zu verlieren. Aber egal, Geschäft ist Geschäft.
„Helft mir auch, Bruder!“, rief der Kerl neben ihm. Das große haarige Etwas, das in eine Mönchskutte gehüllt war, krächzte mit seltenem Akzent. „Ich bin hier, um Ablass für meine werte Mutter, Gott habe sie selig, zu erbitten. Könnt ihr mir helfen?“
„Wo gibt’s hier was zu essen?“, nölte die ausgemergelte Gestalt daneben sichtbar aufgeregt. Unter dem Schmutz auf seinem Gesicht war der zarte Glanz vornehmer Schönheit zu erkennen. „Rehbraten wäre gut. Oder Hummer. Wenn es sein muss, gebe ich mich auch mit einem Heilbutt oder einer schnöden Wachtel zufrieden. Helft mir, ich bin am verhungern!“
„Öhm, also, äh, theoretisch müsste ich euch auch um eure Hilfe bitten, eure Heiligkeit“, stammelte der ungepflegte Jüngling neben ihm, dessen Gesicht von einer frischen Brandnarbe verunstaltet war. „Generell wäre es ganz gut, wenn ihr mir eventuell helfen könntet. Ich habe gesündigt und der Fleischeslust gefrönt. Wollt ihr mir die Beichte abnehmen?“
„Drängelt euch mal nicht so vor!“, schnauzte es daneben. Mattes musste sein Haupt senken, bevor er die kleine, von Aggression geplagte Gestalt entdeckte. „Schau mich nicht so an! Ich brauche neue Kleidung, Gift und einen Unterschlupf. Auf geht’s, beeile dich! Hopp! Schnell!“
Mattes konnte bereits das Bier schmecken, das bald seine Kehle hinab fließen würde.

7
Verdammt. Kacke. Wie viel Unglück konnte einem einzelnen Menschen denn an einem einzigen Tag widerfahren? „Wir haben leider kein Bier, eure Heiligkeit“, hatten die fünf gemeint. „Um ehrlich zu sein, haben wir überhaupt nichts zu trinken dabei. Nicht einmal genug Geld, um etwas zu kaufen.“
„Spinnt ihr?“, wollte Mattes sie anschreien. „Glaubt ihr, ich mache das hier alles umsonst? Zum Spaß?“ Als er sie jedoch genauer begutachtete, kam ihm eine Idee. „Kommt mit, meine Freunde! Ich kenne jemandem, der uns helfen kann.“
Die Hütte lag am Waldrand vor der Stadt. Dunkelgrünes Moos bedeckte das Dach und Efeu wucherte an den Wänden empor. Das morsche Holz der Wände machte den Eindruck, als wäre es schon vor mehreren hundert Jahren gefällt worden. In der Türschwelle, aus der ein Gemisch aus Kräuter-, Frucht- und Gewürzdüften strömte, stand ein kleiner alter Mann. Seine lederne Haut war von der Sonne gegerbt und fettige Strähnen seines schneeweißen Haares hingen ihm ins Gesicht. „Mattes, mein alter Freund! Was führt dich zu mir?“, rief er mit dünner, aber glockenheller und hörbar erfreuter Stimme. Die beiden nahmen sich in den Arm, um sich kräftig zu drücken. „Ich habe dir fünf Gestalten mitgebracht, die mit erheblichen Problemen zu kämpfen haben. Sie hätten eine deiner Spezialbehandlungen nötig. Nur…wie soll ich es sagen…sie haben kein Geld.“
Da fing der Alte an zu lachen. „Als ob das je ein Problem für mich gewesen wäre. Du weißt doch, ich mache allerlei Geschäfte, lass mich die armen Seelen kurz begutachten.“ „Ich habe mir da bereits etwas überlegt“, sprach Mattes. „Schau, dies hier ist der schöne Philipp. Den edlen Schmuck, den er trägt, kannst du sicherlich verscherbeln. Ungersven hat einen kostbaren Assassinendolch dabei, der durch alles hindurch schneidet. Dieser soll auch euch gehören. Und Eduard hier hat gar dichtes Rückenhaar, welches ein hervorragendes Toupet abgeben würde. Tobijjah ist ein Meister des Feuers und würde euch mit Sicherheit gerne seine Künste vorführen. Nur Knaus vom kurzen Stecken“, und Mattes schaute an ihm, der immer noch keine Hose trug, herab, „er hat sichtlich nichts zu bieten.“ „Diese Angebote weiß ich zu schätzen. Euch allen will ich helfen. Nur Knaus, der mich nicht entlohnen kann, muss draußen bleiben.“ „Wartet!“, rief dieser. „Ich habe ein gar vortreffliches Stimmlein und könnte zu eurem Vergnügen für euch einige Liedlein singen.“ Da begann er und rührte damit das Herz des alten Mannes, welcher sprach: „Er sieht nicht nur aus wie ein Eunuch, nein, er klingt auch so. Nun denn, kommt alle herein.“
Die Gefährten staunten nicht schlecht. Die Hütte war voll von riesigen Glasblasen, in denen die unterschiedlichsten Flüssigkeiten bunt schimmerten. „Setzt euch“, sagte der Alte. „Hier in diesem magischen Raum ist jedes Destillat auch eine Lösung. Die Lösung für alle Probleme dieser Welt. Darf ich euch meinen feinsten Absinth anbieten?“
Oh ja, das durfte er. Das tiefschwarze Getränk verströmte einen intensiven Lakritzgeruch. Da begannen sie zu trinken. Und als am nächsten Tag der erste Hahn die Sonne grüßte, war der letzte Krug noch nicht geleert.

8
Als er aufwachte, streifte eine sanfte Brise das Gesicht des Knaus vom kurzen Stecken. Sie roch nach frisch Erbrochenem und ernsthaften Verdauungsproblemen. Doch da war noch etwas anderes. Kalter Schweiß. Dieses Erwachen kannte er ja bereits, war er doch der Stecher vor dem Herrn. Da er seine Augen noch kaum auf bekam, tastete er neben sich, um seine Eroberung der letzten Nacht zu begutachten. Er spürte weiches, wallendes Haar. Etwas viel Haar. Verdammt, hatte er sich ein Tier gefügig gemacht? Schnell riss Knaus die Augen auf und blickte neben sich. Eduard vom Glockenturm? Das konnte doch nicht sein. Da bemerkte Knaus, dass er selbst keine Hose an hatte. Von da an wollte er nur noch vergessen.
Während das Schädelweh ohne Pause auf ihn einschlug, schaute sich Knaus mit der Langsamkeit eines verkaterten Morgens um. Er befand sich in einem seltsamen Raum, der in sanftes Licht von unterschiedlichsten Farben getaucht war. Überall waren seltsame Gegenstände aus sonderbaren Materialien, die er zuvor noch nie gesehen hatte. Der komplette Boden war bedeckt mit Menschen, die sich in einem Zustand zwischen Schlaf und Tod befanden. Eine einzelne, seltsam gewandete Gestalt mit leerem Blick wiederholte die stets gleichen Bewegungen, als ob sie vom Teufel höchst selbst besessen wäre. Knaus versuchte sie anzusprechen, eine Reaktion allerdings blieb aus.
Da weckte er die anderen. Also, er begann damit. Kaum war der zweite wach, schlief der erste schon wieder. Erst als er den Inhalt der halbvollen, auf magische Weise durchsichtigen Becher, die vereinzelt auf den Tischen standen, über seine Gefährten vergoss, kamen diese langsam zu sich. Eduard vom Glockenturm, Philipp der Schöne, Tobijjah Feuerbart, Ungersven und auch der heilige St. Kilian, den er inzwischen nur noch Mattes nannte. Alle sahen sie aus, als wären sie geradewegs der Unterwelt entsprungen. Philipp war in Frauenkleider gehüllt, Tobijjah hatte ein blaues Auge, Mattes hingen noch Brocken seiner Kotze im Bart und Ungersven war komplett nackt und trug als einziges Stück Stoff eine rote Schleife um sein Gemächt. Was bei Gott war in der letzten Nacht nur geschehen?
Sie wussten nichts mehr, hatten keine Ahnung, aber Durst. Großen Durst. Sie mussten sich schleunigst aufmachen, etwas Flüssiges aufzutreiben, nachdem Knaus alle Getränke zum Wecken benutzt hatte. Zusammen gingen sie durch die Tür ins Freie, wo die Sonne ihr Hirn marterte. Als sie über dem Gebäude, aus dem sie kamen, ein blaues Schild erkannten, auf dem in gelben Letter „Die Macht der Nacht“ stand und eine riesige Kutsche aus Metall mit ohrenbetäubendem Lärm an ihnen vorbei raste, konnten sie sich erst annähernd vorstellen, auf was für ein Abenteuer sie das Leben geschickt hatte.

9
Sie schienen definitiv noch in Helibrunna zu sein. Die majestätische Kilianskirche war ein unverkennbares Wahrzeichen. Doch es machte den Eindruck, als sei die Stadt vom Erdboden verschlungen worden und die Hölle hätte darauf einen düsteren Moloch ausgespien, den sie an deren Stelle setzte. Wo früher schöne Fachwerk- und Sandsteingebäude standen, ragten jetzt groteske Kolosse aus Glas und Metall in den Himmel. In allen Gassen fuhren Unmengen der seltsamen Metallkutschen umher. Es stank zwar nicht mehr so sehr nach Fäkalien wie zuvor, aber ein Geruch von Tod und Verderben lag in der Luft. Alle Menschen liefen in wilder Hektik umher, als ob sie von einer geheimnisvollen Macht getrieben würden, und starrten die sechs Gefährten seltsam an. Ob es daran lag, dass Knaus vom kurzen Stecken noch immer keine Hose an hatte?
Sie betraten die Kilianskirche, um einen Geistlichen um Rat zu fragen. Doch das Gotteshaus war komplett leer, keine Menschenseele befand sich darin. Also mussten sie alleine klar kommen. Der nicht endende Durst trieb sie voran, die Mundwüste breitete sich immer weiter aus. Dies musste wirklich die Hölle sein: Obwohl der Sonnenstand keinen Zweifel daran ließ, dass es bereits Vormittag war, hatten noch sämtliche Tavernen ihre Türen verschlossen.
Sie klopften an einigen Türen. Entweder wurde nicht darauf reagiert, oder die Tür wurde ihnen wieder ins Gesicht geschlagen. Waren auch alle Leute Unmenschen geworden? Sie zogen weiter. Mattes erbrach sich in einen Metallkorb, der am Straßenrand stand. Jeder ging einem Gespräch mit den Unglücklichen aus dem Weg.
„Halt!“, schrie Eduard. „Ich habe da etwas entdeckt. Hier hängt die Ankündigung einer Veranstaltung. Da steht etwas von Café Wilhelm. Ist Kaffee nicht dieses Teufelsgetränk der Osmanen, das müde Krieger wieder munter macht? Wäre das nichts für uns? Und „Wilhelm“ klingt so schön vertraut.“ Da meldete sich Tobijjah: „Vor allem steht da etwas von Destillerie, wo doch Schnaps gebrannt wird, und Ratten. Das klingt schon eher nach uns. Wo diese Nager willkommen sind, wird man auch uns nicht zurückweisen.“
Der schöne Philipp setzte sein nettestes Lächeln auf, verbarg seine mit allerlei Seltenheiten beschmierte Tunika unter seinem edlen Mantel, und sprach eine alte Dame an. Bei diesen hatte er schon immer großen Erfolg gehabt, irgendetwas fanden sie an ihm. „Ich weiß, wo wir hin müssen,“ rief er. „Die Dame hat mir den Weg beschrieben, das Fest findet direkt heute Abend statt. Folgt mir!“ Er wendete sich zu Ungersven und sprach leise weiter: „Sie hat mir noch einen Fetzen Papyrus in die Hand gedrückt, auf dem neben einem Abdruck ihrer Lippen eine lange Zahl notiert ist. Was das wohl bedeutet?“

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„Das Bein meiner Mutter!“, entfuhr es Eduard. Eine sanfte Melodie schwebte durch die Ritzen der Fenster und Türen dieses Gebäudes, das in seiner Baufälligkeit schon eher an die Bauten erinnerte, welche den verwirrten Kumpanen bekannt waren. „Hopphopp. Rein da. Das muss es sein.“ Ungersven stürmte voran, wurde aber, bevor er die Türe eintreten konnte, von einem Typen mit gar seltsamer Strickmütze aufgehalten. „Jungs, was macht ihr denn da draußen? Jetzt nimmt sich jeder von euch mal schnell ’n Bier und dann rein. Ihr hab gleich Soundcheck.“ Die Schweineäuglein von Mattes glitzerten hinter seinen prallen Backen hervor. So leicht war er noch nie an ein Getränk gekommen. Auch wenn er keine Ahnung hatte, was ein Soundcheck war oder was auch immer gerade passierte – es war auf jeden Fall gut.
Der Klang der Geige war inzwischen verstummt und als die stinkenden Gefährten den Raum betraten, stand da scheinbar der Zwillingsbruder Philipp des Schönen. Gut, der dort war nicht ganz so schön wie Philipp, aber die Anweisungen, welche mit der Attitüde eines Prinzen seinen Mund verließen, hätten auch aus denen des Philipp kommen können.
Eine Varietät von Musikussen hatte sich hier versammelt. Wer kein Instrument in der Hand hatte, der hielt sich an einer Flasche fest – wobei sich die beiden Dinge nicht ausschließen mussten. Und dort in der Ecke, in die sich der Zwillingsbruder Philipps nun begab, standen einige, die ebenfalls als Zwillinge unserer Helden hätten durchgehen können. Daher wohl auch die Verwechslung des Strickmützenjungen, den alle hier nur ‚Schüttiboy‘ nannten.
Der Bewegungslegastheniker unter den schlechten Kopien kam direkt auf Mattes zu gewatschelt. „Verrückt, der schaut ja aus wie ich.“ Es war tatsächlich verrückt. Nicht nur die seltsamen Instrumente, die ein vielfaches lauter waren, als man es in Helibrunna gewohnt war, auch die Spendierfreude der Anwesenden war traumhaft. Jeder der Sechs war inzwischen in ein Gespräch mit seinem Doppelgänger verwickelt und immer kam die gleiche Frage auf: „Wie könnt Ihr euch das überhaupt leisten?“ Und immer wurde sie gleich beantwortet: „Das ist unser täglich flüssig Brot – wir sind Musiker.“
Musiker. Im alten Helibrunna wurden diese höchstens mit ein paar geworfenen Eiern entlohnt. Aber hier? Noch bevor jeder der Anwesenden am Thresen vom Schlaf umarmt wurde, war allen klar: Wenn es für sie eine Zukunft geben sollte, dann nur gemeinsam als Musiker.

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Musiker? Das klang so einfach. Nur hatte außer Eduard doch noch keiner der armseligen Truppe je ein Instrument in der Hand gehalten. „Die einzigen lauten Töne bringe ich hervor, wenn mich wieder der Eierfurz heimsucht,“ sinnierte Mattes. „Und ich, wenn ich wieder mit einer hübschen Dirne ‚Knüppel aus dem Sack‘ spiele,“ meldete sich Knaus vom kurzen Stecken. „Versteht ihr? Wenn ich das Häschen in die Grube zurück schicke. Den Heiligen Gral suche. Eine wilde Stute zureite. Eine zarte Jungfer über den Teppich schiebe. Wenn ich ihr wieder einmal richtig die Haare bürste. Und nein, ich meine nicht die auf dem Kopf. Wenn ich meinen Braten in die Röhre schiebe. Mit meinem Aal Fische ködere. Ich ordentlich die Muschel voll rotze. Wenn ich…“
„Ist ja gut, wir habens verstanden,“ murrte Ungersven. „Lasst uns nicht so rumtrödeln. Wir haben ja schließlich keine Zeit zu verlieren. Ich bin jetzt und hiermit eine Musikgruppe. Ich nenne sie, hm, ja, ‚Cantus Levitas‘. Keine Ahnung, was das bedeutet, aber egal. Klingt gut. Und gebildet, in der vornehmsten Sprache vor dem Herrn. Wer will mir beitreten?“
„Hm, joa, also, theoretisch könnte das gut sein,“ warf Tobijjah ein. „Also man könnte das schon gut finden. Einerseits. Aber andererseits, und das ist nicht zu vernachlässigen, also zumindest könnte das von einem gewissen Personenkreis als nicht zu vernachlässigen wahrgenommen werden, also andererseits, spielen relativ wenige von uns ein Instrument. Um das genauer zu definieren: nur Eduard.“
Während eine zermürbende Diskussion heraufbeschworen schien, schoss der Schüttiboy um die Ecke. „Ihr seid jetzt eine Band?“. Keiner hatte einen Plan was das war. „Dann spielt ihr als nächstes. Lass uns da was richtig Gutes daraus machen. Ihr seid dann in einer halben Stunde dran.“ „Aber wir können doch gar nichts,“ entgegnete Philipp der Schöne. „Ach kommt, jetzt stellt euch mal nicht so an. Ihr tut ja so als wärt ihr von gestern,“ lachte der Schüttiboy, der mit seiner flotten Mütze einen sehr souveränen Eindruck machte. „Jetzt nimmt sich einfach jeder von euch etwas, das ein paar Geräusche machen kann, und dann geht ihr auf die Bühne und startet eine lockere Jam-Session.“ Und wieder hatte keiner eine Ahnung, was der Kerl da eigentlich redete. Jeder suchte nach den passenden Worten, um ihm zu widersprechen.
„Ach ja,“ fuhr er dann fort, „hier sind eure Getränkemarken. Damit kann sich jeder von euch zehn Bierchen holen.“
In diesem Augenblick war jeglicher Widerstand seitens der sechs Anachronismen gebrochen.

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Ob man das, was da durch den Raum dröhnte, wirklich Musik nennen konnte, wussten die sechs nicht wirklich. Nachdem Eduard diese moderne und gar zarte Rebec, welche hier scheinbar Geige hieß, mit seinen groben Glöcknersfingern, die sonst nur schwere Ketten griffen, zerbrochen hatte, gab es kein Instrument mehr, das von jemandem beherrscht wurde. Aus lauter Verzweiflung begann Knaus vom kurzen Stecken, eine traurige Ballade mit seinem zarten Eunuchenstimmlein vorzutragen. „Der klingt ja wie eine Frau!“, spottete der anwesende Pöbel. „Hat der keine Eier?“. „Lass mal die Hose runter, damit wir sehen, was du wirklich bist!“, schrien sie. Da er um sein kleines Defizit wusste, lies Knaus das lieber sein. Ausnahmsweise. Denn nachdem er seit dem gigantischen Besäufnis ohne Hose umher gelaufen war, war er von allen Menschen entweder verlacht oder gemieden worden. Da hatte ihm der Schüttiboy eine Hose geliehen. „Ist besser so,“ hatte der gesagt. „Hier kommen auch junge Mädels her.“ Warum er gerade dann eine Hose anhaben sollte, begriff Knaus nicht, hörte aber auf den weisen Rat. Ausnahmsweise.
Und nun stand er hier und wurde verspottet. Doch schon kam der Schüttiboy, der scheinbar echt von allem eine Ahnung hatte, herbei geeilt, griff Knaus am Arm und verschwand mit ihm in einen Nebenraum. „Ich weiß, was du brauchst,“ sagte er. „Hier trink ein Glas von diesem Whiskey!“ Knaus, der unglaublich durstig war, zog den kompletten, nach torfigem Rauch duftenden Inhalt auf einen Schluck herunter. Das tat gut. „Gleich noch eins!“, meinte der Schüttiboy. Knaus ließ sich nicht lang bitten. Aus einer seltsamen Hülle fummelte Schütti einen Batzen Tabak heraus und rollte diesen gekonnt in ein Stück Papier. „Schwarzer Krauser,“ kommentierte er. „Rauch das!“
In der Zwischenzeit taten die anderen fünf auf der Bühne ihr Bestes, um nicht vom Publikum gesteinigt zu werden. Eduard hatte hinterm Tresen einen alten Topf gefunden, auf den er mit einem vor der Tür aufgehobenem kurzen Stecken unverdrossen eindrosch. Als er bemerkte, wie kurz der Stecken war, schlich sich ein Grinsen auf sein Gesicht und er schlug noch stärker und schneller. Mattes hatte sich einige Flaschen gegriffen, die er wie irre gegeneinander hämmerte. Wenn ab und an eine zerbrach, warf er die Scherben in Richtung des pfeifenden Publikums und nahm eine neue. Philipp hatte derweil bemerkt, dass der mit viel Bier gut gezüchtete Bauch von Mattes einen herrlichen Resonanzkörper mit tiefem Klang hergab. Mit bloßen Händen trommelte er darauf die wirrsten Rhythmen, die ihm in den Kopf kamen. Tobijjah Feuerbart, hatte seine Poi ausgepackt und lieferte seine besten Choreografien ab und setzte dabei lediglich einen Zuschauer in Brand. Da dieser aber eh eine recht hässliche Visage hatte, war es um ihn nicht allzu schade.
Und Ungersven? Der war in den Hof heraus gegangen, hatte einen Baum umgeschubst, nach seinem gar scharfen Assassinendolch gegriffen und sich aus dem Kernholz des Stammes kurzerhand eine Tröte geschnitzt, welche zwar nicht schön, dafür aber schön laut klang. Mit dieser stand er jetzt auf der Bühne und kam sich plötzlich ganz groß vor. Zumindest für seine Verhältnisse.
Der Pöbel stand trotzdem kurz vor der Revolte. Aber immerhin hatte noch keiner faule Eier, gammliges Gemüse oder gar Steine und Balken geworfen. Das war schon mehr, als die Unmusiker vor ihrem spontanen Auftritt erwartet hatten. Und doch konnte das nicht mehr lange gut gehen.
Als der erste Zuhörer sich schon nach einer der zerbrochenen Flaschen von Mattes bückte, um diese zurück auf die Bühne zu werfen, ging die Tür des Nebenraums auf und Knaus torkelte auf die Bühne, eine beinah leere Flasche in der linken Hand, eine unglaublich stinkende Kippe im Mundwinkel. Er stellte sich an eines dieser genitalförmigen Zaubergeräte, welches die Stimme um einiges lauter machen konnte, und begann damit, inbrünstig zu singen. Den Zuhörern standen die Mäuler offen. Damit hatten alle zuletzt gerechnet: er klang tatsächlich wie ein Mann. Seine Stimme war tief und rau.
Als die unfreiwilligen Spielleute nach einigen weiteren Minuten die Bühne verließen, klatschte sogar der ein oder andere im Publikum. Direkt kam ein gar großer, schlaksiger Mann auf sie zu, dessen edles blondes Haar ihm in einem Zopf bis weit über die Schultern hing. Er wirkte sehr geheimnisvoll, da er stets flüsterte. Und auf seltsame Weise strahlte er gleichsam große Macht und Güte aus. „Jungs,“ sprach er auf seine unverwechselbare Art, „ich habe da was für euch, wo ihr bald wieder spielen könntet. Als Gage bekommt ihr Essen und Bier.“ Schon war der Überzeugungsarbeit genüge getan. „Ihr braucht nur eines: einen Gitarristen. Ohne Gitarren läuft heutzutage nichts mehr.“

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Selbst wenn man davon absah, dass die sechs Neumusikanten keine Ahnung hatten, was denn eine Gitarre war, kamen sie sich aufgeschmissen vor. Einen Gitarristen? Das bedeutete, sie mussten einen Menschen finden, der ein solch exotisches Instrument, von dem keiner von ihnen je gehört hatte, besaß und dieses außerdem sogar noch spielen konnte. Die Suche schien aussichtslos.
„Und wo, werter Herr, sollen wir einen solchen Gitarristen bitte finden?“, fragte Knaus vom kurzen Stecken mit deutlich sarkastischem Unterton. Auch wenn er nicht wusste, dass das so hieß. „Sollen wir auf unserer Suche die sieben Weltmeere überqueren? Hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen danach fragen? Uns auf dem Weg durch eine Dornenhecke schneiden, um einen Gitarristen aus tausendjährigem Schlafe wach zu küssen? Sollen wir in den Orient ziehen und an einer güldenen Lampe reiben, auf dass uns ein Gitarrist erscheinen möge? Oder müssen wir ins Land des dunklen Herrschers ziehen, um in den ewigen Feuern des Schicksalsberges eine Gitarre zu schmieden, um danach auf übergroßen Adlern übers weite und verwüstete Land direkt zu eurer Bühne zu fliegen. Was, oh überaus weiser Herr, sagt uns, was sollen wir tun?“
Dem großen Mann entwischte ein leises Lachen, während er mit den Augen rollte. „Ihr seid lustig, Jungs. Heutzutage spielt doch jeder Volltrottel Gitarre. Sprecht in diesem Raum einen beliebigen Menschen an, und er wird der Musiker sein, den ihr sucht. Wenn nicht, ist er Sänger in einer Deathcore-Band und will zu den Musikern dazugehören. Aber sucht euch jemanden raus, eure Chancen stehen gut!“
Irgendjemanden also? Das klang vielversprechend. Sie konnten sich also einen erwählen, der besonders gut zu ihnen passte. Die sechs Überforderten schauten sich gegenseitig an. „Wir sind alle betrunken,“ bemerkte Tobijjah. „Lasst uns jemanden suchen, der auch gerne dem Alkohole frönt!“ Sie verschafften sich einen Überblick über die Menge und bemerkten, dass alle hier besoffen waren. Dieses Kriterium reichte also nicht. Sie überlegten und überlegten und kamen auf einige Eigenschaften, die sie alle teilten. Derjenige, den sie suchten, sollte faul sein. Ja, gerne bis zur Mittagsstund im Bette liegen. Er sollte versifft sein, wie sie es alle waren, und sein Niveau gerne einmal bis auf die niedrigste Stufe, nein, gar bis in die Unterwelt hinab senken. Und wieder bemerkten sie, dass dies auf mehr als die Hälfte der vor ihnen tanzenden Meute zutraf.
„Kein Mensch,“ überkam Philipp der schlauste Gedanke des Abends, „würde unseren momentanen Gestank länger als zehn Atemzüge ertragen. Außer, er riecht selbst, als hätte ihn der Teufel persönlich ausgeschissen. Lasst uns einfach denjenigen nehmen, der hier am schlimmsten stinkt!“

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Sie hatten ihre Nasen geputzt, von sämtlicher Rotze, die darinnen schon seit Äonen vor sich hin schleimte, befreit, und Eduard hatte sich gar mit einem dieser seltsamen Taschendrachen seine Nasenhaare aus den Löchern geschmort. Sie waren auf allen Vieren schnuppernd wie Hunde durch den Raum gekrochen, und doch nicht in der Lage, eine Fährte puren Gestanks zu wittern. Selbst als die Menge die Arme klatschend in die Höhe reckte und Ungersven von Achsel zu Achsel zu huschen, um seinen ausgeprägten Zinken die deren Höhlen zu hängen, duftete dies im Vergleich zu den Ausdünstungen des Mattes noch wie edelste Rosen. Nein, die Kerls von Cantus Levitas konnten einfach keinen perfekten Gitarristen für sich finden.
Dann, in der nächsten Umbaupause, öffnete der Schüttiboy die Fenster, da der Schweiß bereits in Strömen die Scheiben herab lief. Frische, kühle Luft wehte in den Raum und wirkte berauschender, als es alle Kräuter von Eduards Mutter je konnten. Ein jeder öffnete den Mund und versuchte, möglichst viel dieses Wunderstoffes einzusaugen. Wie man die alltäglichsten Dinge doch wieder zu schätzen wusste, wenn sie erst einmal fehlten.
Und da war es plötzlich, das Zucken an Ungersvens linkem Augenlid. Er reckte die ausgeprägte Nase in die Höhe und begann, Witterung aufzunehmen. Irgend etwas hatte er gerochen, bevor jeder andere dies vermochte. „Lasst uns nach draußen gehen – schnell!“, rief er. Die sechs Musiker huschten durch die Tür heraus auf die Terrasse, wo magische Lichter das Dunkel der Nacht verdrängten. Die ganze Luft war von reiner Frische erfüllt. Die ganze Luft? Nein. Ein kleines Eck widerspenstigen Gestanks leistete erbitterten Widerstand. Es war abartig, eine Cuvée der widerlichsten Aromen, die eine Nase vernehmen konnte. Als hätte jemand einen Sud aus Scheiße, Kotze, faulen Eiern und schalem Bier in einem Kessel aufs Feuer gestellt und einmal kräftig umgerührt. In diesem Moment wussten alle, dass sie am Ziel waren.
In einer Ecke der Terrasse stand er und sah mindestens so heruntergekommen wie die Suchenden aus. Eine dieser lustigen Mützen, wie sie auch der Schüttiboy trug, bedeckte nur Teile seiner fettigen Haarsträhnen. Aus seinen Augenhöhlen, die an den Tod selbst erinnerten, starrten zwei leere Augen. Die weiße Haut schien wie aus Pergament, jeden Moment in der Lage, plötzlich zu reißen. Der magere Körper hing wie ein Sack an seinem Hals. In der linken Hand hielt er ein pokalförmiges Glas mit trübem Bier, in der rechten eine nahezu abgebrannte Zigarette, an der er gelegentlich genussvoll zog. Das Mädel, das ihm ihre Zunge in den Hals steckte, musste entweder geruchsbehindert, einiges gewohnt oder in Bezug auf Liebe sehr ausgehungert sein. Vielleicht auch alles. Es war klar, dies musste der neue Gitarrist sein.
Zielstrebig gingen die sechs Musiker auf ihn zu.

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„Hier, Dirne, hast du eine Marke. Verzieh dich und hol dir an der Bar dafür ein Bier! Deinen Stecher nehmen wir jetzt in Beschlag. Also: abtreten!“ Eduard war im Gespräch mit den Damen schon immer souverän gewesen. Und auch diese hier befolgte, nachdem ihr aufgrund der Verwunderung das Gesicht leicht entgleist war, widerspruchslos seine Anweisungen.
„Danke, Alter!“, kam der Versiffte ihm direkt entgegen. So alt war Eduard eigentlich noch gar nicht. Er beließ es jedoch dabei. Der andere sprach erleichtert weiter: „Jetzt muss ich die Alte schon nicht mehr los werden. Wenn sie anfangen zu reden werden sie immer so anstrengend. Fast schon lästig. Also danke. Ich bin übrigens Benni. Prost!“ Die Sechs stießen mit ihm an, dass das Bier ihnen nur so um die Ohren spritzte. „Aber was wollt ihr eigentlich von mir?“
„Freue dich,“ proletete Mattes. „Du bist jetzt unser neuer Gitarrist. Ein Mitglied der legendären Spielleut Cantus Levitas, deren Namen von einst unschuldigen Mädels in Beichtstühlen des ganzen Landes genannt wird.“ „Cantus Levitas?“, entgegnete Benni. „Sagt mir gar nichts.“ „Um ehrlich zu sein,“ intervenierte Eduard, „hatten wir gerade unseren ersten Auftritt. Um noch ehrlicher zu sein, gibt es uns erst seit einigen Stunden. Und um es ganz genau zu nehmen, haben wir keine Ahnung davon, was wir eigentlich machen. Aber was Mattes erwähnt hat, kann nur eine Frage der Zeit sein. Das Volk scheint uns zu lieben. Nur noch eine Frage: du spielst doch Gitarre, oder?“
„Hehe, klar, wer tut das nicht?“, antwortete Benni. „Ihr habt mich zwar nicht gefragt, aber ja, ich hätte auch Lust. Alles klar, ich bin dabei. Das wird voll gut. Aber Jungs, was habt ihr eigentlich für dämliche Sachen an? Und was wollt ihr denn für ’ne Mucke machen? Ich steh ja schon derbst auf so kaputtes Deathcore-Zeugs. Wie sieht’s mit euch aus?“
Die Sechs schauten sich fragend an. Sie hatten doch selber keine Ahnung. Weder, was für Musik sie machen wollten, noch was der Quatsch bedeutete, den dieser Benni da sonst noch redete. Sie kannten eigentlich nur das von Männern mit eher weiblichen Zügen dargebotene Leiergezupfe, welches sicherlich hervorragend mit Knausens ehemaliger Eunuchenstimme harmoniert hätte, und diese nervtötend lauten Dudelsacktröter, welche häufig öffentlich auf den Marktplätzen verbrannt wurde, was dann vom ganzen Volk ausgiebig gefeiert wurde. Aber vielleicht hatte ja Benni eine ansprechendere Idee. Und seltsame Kleidung? Wieso? Knaus hatte inzwischen sogar wieder eine Hose an und auch Ungersven hatte seine Schleife schon längst abgenommen. Während sie also ratlos und mit dämlichen Gesichtern dastanden, vernahmen sie eine strenge und gebieterisch rufende Stimme in ihrem Rücken. „Sohn? Was erlaubst du dir, du erbärmlicher Taugenichts? Was kannst du überhaupt, du Versager? Komm endlich!“
Es wäre auch zu schön gewesen, wenn das mit Benni so einfach geklappt hätte. Aber gegen den Willen seines Vaters sollte sich kein Sohn auflehnen. Die Suche musste also weitergehen.
Da brüllte die strenge Stimme weiter: „Auf geht’s Benni! Ich hätte mehr von dir erwartet. Ich hab mein Bier schon seit fünf Minuten leer und du nippst noch immer daran herum. Und so etwas schimpft sich mein Sohn. Hau das Zeug jetzt weg und dann gehen wir an die Bar und kippen uns noch ein paar Schnäpse hinter die Binde, wie es dein Großvater bereits mit mir und mein Großvater bereits mit deinem tat.“ Tobijjah schaute Sven verdutzt an. Damit hatte keiner gerechnet. „Ey, Vadder, guck, das hier sind die Jungs von Cantus Levitas. Ich spiel‘ jetzt bei denen in der Band. Das wird großartig,“ strahlte Benni. Sein Vater lächelte, lief auf die Gruppe zu, klopfte Knaus vom kurzen Stecken im Vorbeigehen mit dem Handrücken in den Schritt, wobei er wundersamer Weise sogar traf, nahm alle in den Arm und erläuterte den Plan für den restlichen Abend: „Gut, dann gehen wir jetzt alle an die Bar, kippen uns alles hinter die Binde, was die an Schnaps da haben, und dann klingeln wir Bennis Mutter aus dem Bett, damit die uns alle nach Hause fährt. Auf geht’s!“

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Nach einer weiteren durchzechten Nacht, deren schändlichsten Ereignisse von allen kollektiv vergessen wurden, traf man sich im altbekannten Café Wilhelm zu einer ersten Probe, obwohl sich keiner der Beteiligten hätte vorstellen können, dass dies für den produzierten Lärm nötig war.
„Da ihr alle überhaupt keine Ahnung habt,“ begann Benni, „nehme ich das jetzt in die Hand. Wir machen Metal, die einzige Musik, mit der ich mich etwas auskenne.“ Hätten die anderen zu diesem Zeitpunkt gewusst, was es mit diesem Genre auf sich hatte, wäre Benni sofort wieder aus der Band geflogen. Die Unwissenheit der anderen wusste dies jedoch zu verhindern. „Ihr spielt also alle keine Instrumente?“, fragte er. „Doch,“ widersprach Eduard, „ich habe bereits reichlich Erfahrung mit meiner Rebec gesammelt. Das ist so was ähnliches wie die seltsamen Holzkästen, die ihr hier Geigen nennt.“ „Gut, dann spielst du Bass,“ ordnete Benni an. „Ist auch ein Stück Holz mit vier Saiten drauf. Außerdem nicht so wichtig, dass du das kannst. Den Bass hört eh keiner, das lässt man schon traditionell die weniger Filigranen spielen. Also ein Instrument wie für dich geschaffen, mein Lieblingskrüppel. Tobijjah, du bist sehr geschickt mit deinem Feuerspielzeug, also sollst du der zweite Gitarrist sein. Das Instrument der Götter, Helden und Frauenvernascher. Da du aber noch nicht in der Lage bist, wirkliche Meisterwerke zu vollbringen, habe ich mir etwas überlegt. Spiele einfach immer das gleiche wie ich, aber spiele einfach nur jeden vierten meiner Schläge mit. Das sollte reichen. Und allen überflüssigen Quatsch lassen wir weg, wir wollen dich ja nicht unnötig verwirren. Ich hab da neulich bei Soulfly gesehen.“ Schon hatte er die höchsten zwei Saiten vom Instrument gerissen. „Die brauchst du eh nicht.“
Dass Knaus vom kurzen Stecken mit seiner neu erworbenen Whiskey-Stimme der Sänger sein würde, erübrigte sich allein schon aus Mangel an Alternativen. Auch wenn Benni der Meinung war, Mattes könnte mit seiner Stimme durchaus Frontmann einer Oi!-Band werden. Was auch immer das war.
„Ungersven,“ fuhr Benni fort, „du hast doch gestern so eine quäkende Tröte gebaut und darauf gespielt. Die können wir sicher auch einbauen. Klingt zwar nervig und schon ziemlich kacke, aber es gibt bestimmt einige absonderliche Menschen, die genau auf so einen Scheiß stehen. Verbotene Liebe wurde ja auch noch nicht abgesetzt. Und wenn du schon dabei bist, mach dem Mattes doch auch gleich noch eine. Nerviger Mensch, nerviges Instrument, passt doch. Was mit mehr als neun Tönen bekommt der Trottel ja eh nicht gebacken. Dann fehlt noch ein Schlagzeuger. Philipp? Kannst du dir vorstellen, auf allerlei Trommeln einzudreschen?“
Klar konnte der schöne Philipp sich das vorstellen. Wenn seine Haus- und Hofbediensteten nicht gehorcht hatten, hatte er sich schon ausgiebig darin geübt. Und irgendwie machte ihm das schon Spaß. Da war nur noch ein Problem: weder besaß irgendeiner ein Schlagzeug noch hatten die Musiker das Geld, um sich eines leisten zu können. Als Philipp jedoch einige Mülltonnen im Eck stehen sah, hatte er einen grandiosen Einfall. Er könnte daraus einfach selber Trommeln bauen. Im Schrank seines Elternhauses hatte er noch einige alte Fellmäntel. Diese könnte man darüber spannen.
„Benni,“ fragte er, „wie komm ich von hier nach Helibrunna? Von dort aus würde ich das Anwesen meiner Eltern wieder finden.“ „Heli was?“ Benni hatte keine Ahnung. Sie fragten einen jeden, doch keiner konnte es ihnen sagen. Niemand hatte je von diesem Ort gehört. Sie begannen endlich, sich zu fragen, wie sie eigentlich hier her gekommen waren. Doch keiner erinnerte sich. Stille Nebel verhüllten die Vergangenheit, Dunkelheit umnachtete das Gewesene. Ja, sie waren in ihren eigenen Exkrementen, total entstellt und teils ohne Kleidung in einem gar seltsamen Raum erwacht. Aber davor? Da war nichts. Sie hatten gesoffen, wie nie zuvor in ihrem Leben, und plötzlich waren sie hier gewesen.
„Dann lasst es uns einfach wieder so versuchen!“, rief Tobijjah. Was in die eine Richtung funktioniert, klappt vielleicht auch anders herum. Die anderen waren von der Idee begeistert. Benni schickte seine Mutter aus, um Bier und Schnaps in rauen Mengen einzukaufen. Das Gelage begann.

17
Als er erwachte und sich langsam aufrichtete, fühlte sich Mattes, als ob hunderte wild gewordener Höhlentrolle mit überdimensionierten Keulen auf seinen Schädel einschlügen. Es schien, als hätte sich in seinem Magen eine ganze Familie schleimiger Nacktschnecken versammelt, von denen ab und an eine den Hals empor kroch um von der Höhe des Kehlkopfes aus die anderen zur Flucht anzustacheln. Mattes schaute sich um und wusste, dass es den anderen hier aufgeschlagenen Menschenwracks mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht besser ging. Und was hatte Ungersven eigentlich immer mit diesen roten Schleifen, die er ständig um sein Gemächt band? Fand er das schön? Angenehm?
Eduard war inzwischen aufgestanden, hatte sich kurz darüber gewundert, dass ein edler Büstenhalter in der Kapuze seiner Kutte steckte, und öffnete die Tür. Frische Morgenluft strömte in den Raum. „Tatsache!“, rief er, „wir sind zurück in Helibrunna! In der Taverne „Zum frivolen Käpt’n“. Knaus vom kurzen Stecken kannte diese Spelunke nur all zu gut. Früher hatte er hier regelmäßig junge Schönheiten abgefüllt, um mit ihnen dann in den oberen Stockwerken die Nächte zu verbringen. Oft war alles eskaliert und eine wilde Orgie ausgebrochen, doch noch nie zuvor war er ohne Hose mitten im Gastraum erwacht. „Hier, nimm diese!“, rief Sven, der eine Schnapsleiche gefleddert und ausgezogen hatte. Ihm selbst reichte die Tunika, die so schon auf dem Boden schleifte.
Schleunig brachen sie auf, gingen längst vergessene Pfade durch finstere Wälder und wateten durch neblige Sümpfe. Nachdem sie mit Hilfe einer morschen Hängebrücke eine tiefe Schlucht überquert hatten, tauchte das Anwesen von Philipps Eltern vor ihnen auf. Ein Haus von solcher Größe und Pracht, dass einige es sicher als Schloss bezeichnet hätten. „Wir müssen warten, bis die Dunkelheit einbricht, dann schlafen alle,“ schlug Philipp vor. „Ihr dürft lediglich nicht oben auf den Donnerbalken gehen, das hört man durchs ganze Haus und meine Eltern wachen auf.“ Als die Sonne am Horizont versank, schlichen die Abenteurer leise durch den Garten, in dem die sonderbarsten Gemüse wuchsen und bis weit in die Luft ragten. Wilder Wein rankte sich um alles, was er erreichen konnte. Mattes blieb an einer Wurzel hängen und fiel in den Dreck. Tobijjahs Bart wurde zu nicht unerheblichen Teilen aus seinem Gesicht gerissen, als er eine gigantische Klette streifte. Philipp öffnete eine Falltür, die geschickt unter einem Haselstrauch versteckt war. Öllampen tauchten den Gang, der vor ihnen lag, in sanftes Licht. „Ihr wartet hier unten! Ich hol so lange die Fellmäntel aus meinem Zimmer,“ sprach Philipp, der sich inzwischen einen guten Befehlston angewöhnt hatte. So hätte er auch Karriere bei der fürstlichen Armee machen können. Nur wenige Minuten später tauchte er schon wieder auf, in seinen Armen ein Stapel von Mänteln aus den gar edelsten Pelzen. Knaus konnte Nerz, Otter und Iltis erkennen, ein Umhang schimmert wie junger Seehund und auch eine Weste aus reinster Schlangenhaut ragte aus dem Haufen hervor.
„Mir ist noch etwas eingefallen“, meinte Philipp. „Um wieder zurück zu kommen, werden wir den Mann im Wald wieder bezahlen müssen. Und Knaus, du willst doch dieses Mal sicher nicht mit der Jungfräulichkeit deines Hinterns löhnen, oder?“ Mit diesen Worten öffnete er das Tor zu einer gigantischen Vorratskammer, wie sie noch keiner der anderen je erblickt hatte. Die feinsten Speisen und Getränke bildeten ganze Gebirge. Ein ganzes Regal war mit Grablichtern gefüllt. Man konnte ja nie wissen, wann einer diese Welt verlassen musste.
Ein jeder lud sich auf, was er tragen konnte. So leise, wie sie gekommen war, schlich die Gruppe zurück durch den Garten, um den alten Mann in seiner Hütte im Wald aufzusuchen, der sie mit seinem sonderbaren Absinth wieder auf eine Reise schicken würde.

18
Wie auch immer, die Sache mit dem Absinth hatte schon wieder funktioniert. Nach drei Tagen und wesentlich mehr Flaschen gingen auch bei dem Letzten die Lichter aus. Und als sie wieder angingen, befanden sich die Musiker erneut in jenem heruntergekommenen Raum, in dem sie bereits früher erwacht waren. Musste jede Nacht in diesem Schuppen enden, den Benni mit dem seltsamen Namen „Bukowski“ bezeichnete?
Wieder war es die Hölle auf Erden. Nein, noch schlimmer, schlimmer als je zuvor. So wie Hölle und Fegefeuer und Ehe, und das alles auf einmal. Mindestens. Der Durst war größer, die Schädel schmerzten garstiger und es gab keinen, der nicht mehr kotzte, als ein normaler Mensch in einer Woche zu sich nehmen konnte. Wurden die Sieben so langsam alt oder war lediglich mehr Übung nötig?
Ungersven, der dieses Mal gar zwei Schleifen trug, mahnte wieder zur Eile. Bis zum ersten großen Auftritt waren nur noch wenige Tage übrig, es wollte intensivst geprobt werden. Alle eilten zum Café Wilhelm, bespannten die Tonnen mit Philipps edlen Fellmänteln und begannen. Während Benni sanft die Saiten streichelte, hämmerte Philipp auf alles ein, was in seine Reichweite gelangte. Eduard hatte sich bereits intensivst mit seinem neuen Bass angefreundet und spielte mit derartig viel Groove, dass Außenstehende der Meinung gewesen wären, er hätte die Noten eines anderen Stückes vor sich. Knaus hatte nicht nur die Ereignisse der letzten Tage, sondern auch sämtliche Texte vergessen. Das lag am Alkohol. Behauptete er zumindest. Da er zudem keine Ahnung hatte, was die Worte, die auf jenem Zettel standen, eigentlich bedeuteten, wirkte seine Interpretation mehr als abstrus. Tobijjah versuchte, sich genaustens an die Anweisungen Bennis zu halten und das selbe wie dieser zu spielen, aber eben nur jeden vierten Ton. Ab und an verzählte sich der Überforderte jedoch, sodass es auch manchmal jeder fünfte oder sechste war. Mit viel Wohlwollen konnte man dies aber als rhythmisch raffiniert bezeichnen. Der einzige, der sein Instrument wirklich beherrschte, war Ungersven. Jede Melodie war exakt eingeübt, die Finger wanderten präzise über die Löcher seiner Tröte. Während Mattes Gefallen daran fand, diesem Instrument die nervigsten Töne zu entlocken, und davon gab es gar viele, spielte Ungersven die schönsten Stücke. Er hielt lediglich nicht viel von Zusammenspiel, sondern bot jede Melodie in dem Tempo zu, welches ihm am meisten zusagte. Also so schnell er konnte. Irgendwo hatte er aufgeschnappt, dass dies im Metal durchaus üblich sei.
Als Philipp sämtliche Trommelstöcke, die in der Gegend zu erwerben waren, zerbrochen hatte, musste die Probe unterbrochen werden, damit Ungersven neue schnitzen konnte. Diese Pause tat den verausgabten Musikern gut, immerhin hatten sie schon mindestens 30 Minuten gespielt. Leicht entnervt und mit desillusioniertem Gesichtsausdruck erhob Benni das Wort: „Jungs, das war ja mal total scheiße. Ihr könnt ja gar nix. Das klang nur nach Chaos, Durcheinander, Musikdurchfall. Wahrscheinlich habt ihr nicht einmal eine Ahnung, wie Metal überhaupt klingt. Nicht? Na gut, dann will euch was zeigen. Hört es euch gut an, das sind Drottnar, die spielen auch bei dem Konzert, für das wir gebucht sind.“
Benni legte eine magische Silberscheibe in einen noch magischeren Kasten, aus dem nach kurzer Zeit unglaublich laute Musik dröhnte. Wie die Musiker wohl in diese kleine Box passten? Nachdem die anfängliche Verwunderung dann verpufft war, lauschten alle gespannt. Nach einiger Zeit waren sie sich einig: so anders hatte das, was sie gerade selbst gespielt hatten, auch nicht geklungen.

19
Mit neuem Mut wurden die weiteren Proben angegangen. Jeder Tag hatte den selben Ablauf: mittags verkatert aufstehen, ab ins Café Wilhelm, dort bis zum frühen Abend musizieren und danach bis spät in die Nacht das Getränkelager leeren, das der Schüttiboy glücklicherweise nicht abgeschlossen hatte. Ganz langsam kam Struktur in die Musik, was nicht nur am fleißigen proben, sondern auch an der neu ausgerufenen Parole „stumpf ist Trumpf“ lag. Endlich einigten sich alle auf ein einheitliches Tempo, das auch jeder versuchte zu halten. Außerdem sollte jedes Instrument möglichst das gleiche spielen und ja nicht zu viele verschiedene Dinge in einem Lied. Vor allem intensivste Werkanalysen von AC/DC und Manowar waren es, die zu diesen Rückschlüssen führten.
Nun war also der letzte Tag vor dem großen ersten Auftritt gekommen. Ein jeder war guten Mutes, dass endlich alles funktionieren würde. Sogar schon bevor die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte, traf sich die Gruppe im Café Wilhelm zur Generalprobe. Da die Sonnenstrahlen in einem ihm völlig unbekannten Winkel in den Raum fielen, bemerkte der schöne Philipp erstmals ein zartes Glänzen von Gold hinterm Tresen. Er hatte schon immer einen besonderen Spürsinn sowie eine ausgeprägte Vorliebe für teure Edelmetalle gehabt. Ob dies an der monetär angelegten Erziehung seiner wohlhabenden Eltern lag oder daran, dass er angeblich von Zigeunern abstammte, konnte niemand genau sagen.
Als die anderen nicht hinsahen, schlich sich Philipp, dessen ganzer Körper schon vor Aufregung kribbelte, als ob tausend kleine Ameisen auf ihm herumkrabbelten, hinter die Bar. Was er da sehen konnte, lies ihm kurze Zeit den Atem stocken. Da stand ein gigantischer Hase aus purem Gold mit einer an Ungersven erinnernden roten Schleife um den Hals, an welcher ein neckisches güldenes Glöcklein hing. Der Speichel rann von Philipps Mundwinkeln herab und tropfte auf den Boden. Sein ganzer Geist war vom Wunsch beseelt, das Prachtstück in seine Arme zu schließen. Behutsam fasste er es mit beiden Händen, um es kraftvoll, aber leise in die Höhe zu wuchten. Doch was war das? Das Gebilde war wesentlich leichter als erwartet. Verwundert begutachtete Philipp das Stück genauer. Der Glanz war rein, keine Frage. Dann entdeckte er etwas Sonderbares: an einem Ohr des Hasen fehlte ein Stück Gold und eine braune Masse war zu erkennen. Ernüchterung machte sich breit. Der ganze Hase bestand aus jener braunen Masse und war nur ganz dünn in Gold gehüllt. Was sollte er nur mit so einem Bisschen anfangen? Das reichte ja nicht einmal für eine neue Kutsche.
Angewidert bemerkte Philipp, dass seine Fingerspitzen mit der braunen Masse verschmiert waren. Wie er es gewohnt war, leckte er diese sauber. Doch seine Zunge, die eher mit Dreck oder Kot gerechnet hätte, schmeckte gar wunderbares. Eine cremige Süße verbreitete sich im ganzen Mund. Etwas derartiges hatte er noch nie gekostet. Das war mit großer Sicherheit besser als Gold. Diese Entdeckung konnte er dann noch nicht für sich behalten. Er stürmte zu den anderen, den komplett von seiner glänzenden Hülle befreiten Hasen in den Händen, und forderte einen jeden auf, ein Stück davon zu probieren. Nachdem alle versucht hatten, fehlte das erste Ohr schon komplett. Sie waren sich einig: es war fantastisch, was sie da gefunden hatten. Benni belächelte sie milde. Doch etwas, was jedem Musiker zur Gewohnheit geworden war, fehlte. Knaus vom kurzen Stecken eilte in das Getränkelager und kam mit einer riesigen Flasche voll Cidre zurück. Vorsichtig und ohne einen Tropfen zu vergießen schüttete er das Lieblingsgetränk der Franzosen durch das abgebissene Ohr in den hohlen braunen Hasen. Nacheinander nahmen alle einen kräftigen Schluck und nachdem Ungersven noch ein Stück des Ohres abgeknabbert hatte, war selbst seine Nase beim Trinken nicht mehr im Weg. Der Cidre verband sich mit dem zarten Geschmack der braunen Masse zu einem Gesöff, welches nur vom Himmel selbst stammen konnte. Was war dagegen schon Manna?
Während sich die Gruppe am Genuss labte, sprang die Türe auf und der Schüttiboy stand auf der Schwelle. „Was, ihr seid immer noch hier? Jetzt aber nichts wie raus, wir müssen für den Poetry Slam aufbauen!“ Was auch immer das schon wieder war.
Nur wo sollte jetzt die wichtige Generalprobe stattfinden?

20
Immerhin hatten sie den mit schäumendem Cidre gefüllten Schokohasen mitnehmen dürfen. Der Schüttiboy hatte gemeint, er sei froh, wenn er endlich weg komme, schließlich stünde der bereits seit Ostern hier.
Doch nun standen sie da und hatten keine Ahnung, wo sie ihre Probe denn fortsetzen könnten. „Wir haben ja die Hälfte unserer Lieder noch nicht einmal angespielt,“ hatte Benni gemeint, der den Überblick hatte. Es wartete also tatsächlich noch einiges an Arbeit auf die Musiker. Auf einmal brach es aus Mattes heraus: „Ich habs! Auf dem Marktplatz, den ich in Helibrunna stets für meine Geschäfte nutzen, trieb sich allerhand fahrendes Volk herum, darunter auch einige Gaukler und Musiker. Diese spielten einfach auf dem Platze und bekamen dafür sogar ab und an ein warmes Handgeklapper oder die nicht mehr zu verkaufenden Reste einiger Marktstände. Benni, führe uns doch zum Marktplatz dieser Stadt hier, wie heißt sie nochmal? Heilbronn? Schon witzig, wie ähnlich das klingt. Aber egal, bring uns hin, dann proben wir dort!“
Die anderen waren von der Idee begeistert. Besonders Philipp, erhoffte er sich doch, einige Essensreste von verschiedenen Ständen zu ergattern. Benni nahm sein kleines Zauberkästchen, mit Hilfe dessen er mit weit entfernten Leuten sprechen konnte, und rief sein Mutter, welche alle zum Marktplatz fuhr.
Da standen sie nun und trauten sich kaum, mit ihrem Lärm zu beginnen. Da sie natürlich diese ganzen seltsamen Instrumente, die Benni ihnen näher gebracht hatte, nicht mitgeschleppt hatten, suchten sie den Markt nach allerlei Kram ab, auf dem sich musizieren ließ. Alte Holzkisten, rostiges Geschirr und Mattes‘ solider Kessel mussten als Trommeln herhalten, während Ungersven und Mattes ihre Tröten malträtierten und Knaus vom kurzen Stecken die verschiedensten Lieder trällerte. Schnell begann sich eine große Menschentraube um die sieben lärmenden Gestalten zu bilden. Dies konnte lediglich zwei Gründe haben. Entweder würden die Ruhestörer nun in einer öffentlichen Spontansteinigung endgültig zum Schweigen gebracht oder, und das grenzte an der absoluten Unmöglichkeit, den Leuten gefiel, was sie da hörten. Aber nein, dies konnte wirklich nicht sein. Ihr baldiges Ende erahnend, bekamen es die Musiker mit der Angst zu tun. Knaus nässte sich ein, Tobijjah schickte ein Stoßgebet zum Himmel, Mattes entfuhr ein Eierfurz des Schreckens, Eduard machte sich auf ein Wiedersehen mit seiner Mutter gefasst, Ungersven ergriff zur Verteidigung seinen Assassinendolch, Philipp legte sich selbst seine zwei Notfallmünzen für den Fährmann auf die Augen und Benni wusste, dass öffentliche Hinrichtungen eigentlich nicht mehr üblich waren.
Da geschah es: die erste Frau holte weit aus, und schleuderte einen kleinen Gegenstand in Richtung der Musiker. Es hatte also begonnen. Glücklicherweise war diese Frau nicht in der Lage, weit genug zu werfen, so dass das Ding vor den Füßen Eduards landete. Dieser rückte seine überaus hübsche Lederbrille zurecht, die den einsamen Nonnen immer so gut gefallen hatte, und schaute sich genauer an, was da vor ihm lag. Es war eine Münze, die gar seltsam war und sowohl silbern als auch golden glänzte. Im nächsten Moment flog schon der nächste Taler und bald schon wurden die Sieben gar mit Münzen beworfen. Weder Steinigung noch Essensreste standen an, nein, sie alle würden als reiche Männer aus diesem Abenteuer hervorgehen. Mit dieser Perspektive vor Augen spielten sich die Musiker in einen Rausch, tanzten mit dem Publikum die seltsamsten Tänze und machten sich selbst zu Trotteln. Den Leuten gefiel diese Darbietung gar gut, und nach kurzer Zeit war der gesamte Marktplatz mit johlenden und Geld schleudernden Menschen gefüllt. Zum Abschluss kletterte Ungersven gar den Rücken Eduards herauf, in dem er sich an dessen störrischen Haarbüscheln wie Rapunzels Königssohn in die Höhe zog, um das letzte Stück auf den Schultern stehend zu Ende zu spielen. Der Pöbel frohlockte und schmiss noch mehr Münzen in Richtung der beiden.
Der Abend sollte enden, wie eine übliche Probe von Cantus Levitas immer endete. Doch so viel Geld hatte die Truppe noch an keinem Abend in den örtlichen Tavernen versoffen.

21
Dieses Mal waren alle dort aufgewacht, wo sie sich hingelegt hatten. Im Schlafzimmer von Bennis Eltern. Nachdem sie für die gesamten Einnahmen des vergangenen Tages in den finstersten Spelunken der Stadt gezecht hatten, hatte Benni seine Mutter gerufen, die die Spielleute abholte. Auf Geheiß ihres Sohnes räumte sie umgehend das Schlafzimmer, damit die Musiker die Nacht vor ihrem wichtigen Auftritt in aller Gemütlichkeit verbringen konnten.
Noch bevor die Sonne am höchsten stand, kam Bennis Mutter ins Zimmer, um alle mit duftendem, heißem Kaffee und frisch gebackenem Kuchen zu wecken. Ungersven blinzelte verschlafen und blickte sofort an sich herab. Ein erleichtertes Ausatmen verriet, dass er diesmal keine Schleife vorfinden musste. Er trug sogar seine Hose noch. Mit großer Eile nervte er alle so lange, bis ein jeder aufgestanden war. Den Sieben ging es noch nicht wirklich gut, der Zustand war allerdings erträglich. Sie stopften sich mit Kuchen voll. Jeder aß mindestens drei Stücke, während Philipp in dieser Zeit die andere Hälfte verschlungen hatte. Der Kaffee floss die leicht trockenen Kehlen herab und weckte die Lebensgeister. Bennis Mutter hatte in der Zwischenzeit ihre Großkutsche mit sämtlichen Instrumenten beladen und rief die Jungs. Es war Zeit, zum Konzert aufzubrechen.
Als er die Treppe herab rannte, vernahm Ungersven ein neckisches Läuten. Eines bei jeder Stufe. Als er mit verwunderter Miene unten angekommen war, grinste ihn Bennis Mutter wissend an. Ihr Blick wanderte von seinem Gesicht herab in seinen Schritt. Da fiel bei ihm der Groschen. Die Schleife des Schokohasens. Mit Glocke. Ungersven schluckte und blickte verstohlen in seine Hose. Tatsächlich. Bennis Mutter grinste immer noch. In diesem Moment schwor er sich, niemals wieder Alkohol zu trinken.
Ein Glück für die anderen. In der Großkutsche war, wie von Benni angeordnet, bereits ein Kasten feinsten Schwarzbieres platziert, um den Spielleuten einen idealen Start in den Tag zu ermöglichen. Obwohl es in den Mägen noch leicht rumorte, ließen sich die tapferen Trinker nicht lumpen. Der Gerstensaft floss in Strömen, während Bennis Mutter das Gefährt sicher lenkte. „Ich muss auf die Latrine!“, rief Knaus. „Soll ich anhalten?“, fragte die Fahrerin. Der Sänger allerdings war der Meinung, er halte es noch locker aus. „Doch!“, schrie Mattes panisch. Während die Räder aufgrund der Vollbremsung noch quietschten, hechtete er aus der aufgerissenen Tür und landete inmitten einiger Hühner, die rund um den Wachturm am Stadtrand umher gackerten. Mattes hatte sich gerade auf seine Knie gehievt, als es auch schon aus seinem Maul strömte. Jeder bekam einen Eindruck davon, was dieser den letzten Tag gegessen und getrunken hatte. Und das war einiges. Den Hühnern schien es zu schmecken. Als Mattes sich den Mund abwischte, pickten sie genüsslich das Beste aus seiner großzügigen Spende. Eine verwundert schauende Familie fuhr auf einem Rudel seltsamer Reittiere, die Benni „Fahrräder“ nannte, an der Lache vorbei. Die Eltern versuchten vehement, die Kinder davon zu überzeugen, dass der seltsam gekleidete Typ da am Straßenrand lediglich krank war.
Schon konnte die Fahrt weiter gehen. „Ich muss pissen!“, schrie Knaus, diesmal energischer. Es schien, als könne sein kurzer Stecken den Druck kaum noch halten. „Geht hier nicht,“ erwiderte die Fahrerin. „Wir sind schon mitten in der Stadt, da sieht dich doch jeder.“ Mürrisch lenkte Knaus ein. Eine Minute später jammerte er erneut: „Ich muss jetzt unbedingt, ich platze!“ Bennis Mutter bestand darauf, er würde es wohl noch die paar Meter bis zum Veranstaltungsort aushalten. Knaus war anderer Meinung. Er griff sich eine jener leer getrunkenen Blechdosen, in denen sich zuvor noch gar köstlicher Gerstensaft befunden hatte, ließ die Hose herab und steckte seinen Stecken in das gar kleine Löchlein. Zur Verwunderung aller passte dies aber gut. Das Gelächter war groß, als Knaus glückselig seine Blase entleerte. Doch das Lachen verging Philipp schnell, als Knaus zur nächsten Dose griff und seinem Nebensitzer die volle in die Hand drückte. Sie war warm und ab und an schwappte eine kleine Menge gelben Urins über den Rand, wenn du Kutsche über ein Schlagloch rollte. Nach einer scharfen Kurve war auf dem mittleren Sitz eine beträchtliche Lache zu erkennen.
Während die Gesichter der anderen noch von Ekel gezeichnet waren, hielt Bennis Mutter das Fahrzeug an. Vor den Musikern ragte die Halle ihres baldigen Ruhmes in den Himmel empor.

22
„Hier ist der Raum für die Bands,“ erklärte der langhaarige Mann mit der mysteriösen Stimme, welcher die Truppe zu diesem Auftritt eingeladen und gleich freundlich begrüßt hatte. „Bedient euch, es ist genug von allem da. Ach ja, in einer Stunde habt ihr Soundcheck, seid dann bitte pünktlich an der Bühne!“
„So muss sich Eva gefühlt haben, nachdem Adam sie sich aus den Rippen geschnitten hatte!“, dachte Tobijjah, als er in den Raum trat. „Das hier ist wahrlich das Paradies!“ In der Luft lag der Duft der feinsten regionalen Delikatessen. Mahlzeiten, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte. In flachen Pappschachteln stapelten sich ebenso flache deftige Kuchen, die mit Tomatensoße, Käse und reichlich Wurst belegt waren. In einem gigantischen Topf schwammen schmackhafte, mit Spinat und Fleisch gefüllte Teigtaschen in kochender Brühe. Auf einem Tisch standen etliche Schüsseln mit den seltsamsten Salaten. Da diese aber kein Fleisch enthielten, beschloss er, nichts davon anzurühren.
Überall im Zimmer standen weiche Sofas, auf denen Gestalten saßen, die mindestens so versifft und heruntergekommen wie die Jungs von Cantus Levitas selbst waren. Das mussten zweifelsohne die anderen Musiker sein, die im Laufe des Abends auftreten sollten. Ein jeder dieser Kerle hielt mindestens eine Flasche kühlen Bieres in den Händen, die so kalt war, dass ganze Tropfen an ihr herunterliefen. „Das Bier ist im Kühlschrank!“, rief einer. Mattes hatte zwar keine Ahnung, was das war, aber der Finger des langhaarigen Kerls zeigte auf einen großen, weißen Kasten mit einer Tür an der Vorderseite. Als Mattes diese öffnete, ging im Innern ein Licht an, welches die geschätzt 1735 Flaschen Bier wie heilig strahlen ließ. Das musste ein Zeichen Gottes sein, keine Frage. Er nahm sich sieben der flüssigen Heiligtümer und warf einem jeden seiner Kumpanen eines zu.
Das große Fressen konnte beginnen. Jeder wollte alles mindestens ein Mal probiert haben. Einige der sonderbaren Pappteller brachen aufgrund ihrer schweren Ladung einfach entzwei. Philipp stopfte mit einer Geschwindigkeit, als wolle er sich selbst eine französische Gänseleber züchten. Auch das Bier floss in Strömen, auf dass keine Kehle jemals mehr Trockenheit verspüren müsse. Um die Abläufe zu optimieren, hängte Eduard die Tür des Kühlschranks einfach aus. Auf die vehementen Einwände der anderen Gruppen, das Bier würde warm, erwiderte er, das Bier würde dazu gar nicht genug Zeit bekommen. Und ja, er sollte Recht behalten. Schon bald wuselten die ersten Helfer durch den Raum, um alles wieder aufzufüllen. Zu diesem Zeitpunkt hatten diese noch nicht den Ansatz einer Ahnung, wie viel sie an diesem Abend zu tun bekommen sollten.
Wenn einer der Musiker aufgrund schlechter Planung kurze Zeit den Mund leer hatte, plauderte er gemütlich mit den anderen Anwesenden. „Das ist hier im Backstage immer so,“ meinten diese. „Da geht gut Party. Schaut einfach, dass ihr euch regelmäßig Gigs klar macht. Hauptsache, die Leute finden euch geil. Reißt die mit, dann läuft das schon. Aber bleibt dran und gebt immer Vollgas, die Gunst der Masse wechselt wie der Wind. Und noch was: verkackts euch nie mit den Veranstaltern!“
In diesem Moment flog die Tür auf und der große Mann mit der mystischen Stimme stürmte herein. Zwei Stunden nach ihrer Ankunft lagen die Musiker mit vollgefressenen Bäuchen überall herum. Philipp war gerade noch dabei, sich die Hälfte eines dieser deftigen Kuchen auf einmal ins Maul zu stopfen. „Cantus Levitas?“, rief der Lange. „Kommt Jungs, ihr habt Soundcheck!“

23
Soundcheck? Was war das überhaupt? Klang wie der Nachname von Eduards tschechischer Großmutter. Bevor der ratlose Philipp bei Benni nachfragen konnte, saß er bereits auf der Bühne hinter seinem Schlagzeug. Die Felle waren ebenso gespannt wie er. „Lass mal was von dir hören!“, rief eine genervte Stimme vom anderen Ende der Halle. Ein ganz in schwarz gekleideter Kerl, dessen Haare auf dem Kopf so lang wie die von Eduard unter dessen Achseln waren, schaute erwartungsvoll in Richtung Bühne. Von seiner Hose hingen jede Menge Ketten und seine schweren Handschuhe legten den Schluss nahe, dass er entweder ein Krieger oder zumindest ein harter Arbeiter war. Diese Tatsache flößte Philipp durchaus Respekt ein. Er musste sein Allerbestes geben. Er schlug derart auf seine Felle ein, als ob darunter noch lebendiges Fleisch steckte, das er sich noch diesen Abend einverleiben wollte. Die Bühne hüpfte auf und ab. Der Mensch vom anderen Ende der Halle brüllte etwas unverständliches. Philipp konnte lediglich die Bewegung seiner Lippen erahnen. Es schien, als würde sein Spiel nicht ausreichen. Er bündelte die letzten Kraftreserven, die in noch in seinem gar hübschen Körper steckten. Ein Gitarrenverstärker kippte um. Plötzlich kam von hinten ein Mann und schrie mit voller Lautstärke in Philipps Ohr: „Es reicht! Hör auf!“ Stolz legte Philipp seine Trommelstöcke zur Seite. Er schien seine Sache gut gemacht zu haben. Soundcheck war ja überhaupt nicht so schwer.
Erleichtert betrat nun Eduard die Bühne. Was Philipp gelang, würde er doch auch ohne Weiteres schaffen. Er hängte sich selbstbewusst seinen Bass um und spielte, bevor der Mann in schwarz danach gefragt hatte, einen wunderschönen Ton. „Von mir aus passt das!“, rief die Stimme. „Den Bass hört man nachher eh nicht. Was willst du auf den Monitoren?“ Zum Glück hatte Eduard zuvor aufmerksam den Gesprächen der anderen Musiker gelauscht und wusste, dass Monitore diese seltsamen schwarzen Kästen am vorderen Bühnenrand waren. Was wollte er da drauf haben? Blumen fand er zu kitschig, Kerzen unnötig, da es schon so sehr hell war und Spitzendecken waren ja mal echt aus der Mode. „Zwei Bier wären toll!“, entgegnete Eduard. Definitiv das einzig Sinnvolle, das er sich vorstellen konnte. „Die kannst du dir nachher selber holen!“, brüllte eine hörbar noch stärker genervte Stimme zurück. „Was für Instrumente sollen aus dem Monitor raus kommen?“ „Instrumente? Bitte keine! Wir haben doch schon jetzt keinen Platz mehr auf der Bühne.“ Eduard bemerkte, wie sich das Gesicht des Mannes verfinsterte. „Und wenn es unbedingt sein muss,“ versuchte er zu beschwichtigen, „dann bitte kleine Flöten oder so. Auf keinen Fall Kirchenorgeln!“ Der wütende Mann winkte Eduard von der Bühne und schob den Regler auf Null. Sicher war sicher.
„Ey Mischer, was soll ich spielen?“, fragte Benni, der nun an der Reihe war. „Ein bisschen Deathcore? Warte, ich kenn da so einen fetten Break. Kennst du das?“ Schon begann er, gar filigran sein Instrument zu beackern. Seine Finger flitzten wie Knaus, als er hosenlos vom Wachtmeister Idefix davon lief, über das Griffbrett. „Endlich!“, seufzte der Mischer, dessen Zorn sichtbarer Erleichterung gewichen war. „Danke!“
So gut wollte es Ungersven mindestens auch machen. Er tat grundsätzlich nur Dinge, bei denen er besser als alle anderen sein konnte. Wenn dies nicht möglich war, gab er den Dingen den Namen „Provisorium“. Aber nein, heute wollte er nichts provisorisches abliefern. Und er hatte sich bereits etwas überlegt. Sämtliche Töne, die Benni gespielt hatte, und sogar einige mehr, hatte er sich gemerkt und für seine Tröte umgeschrieben. Im Kopf. Er begann zu spielen. So schnell er nur konnte. Und schneller.
Als der Soundcheck beendet war und Ungersven selbstgefällig mit den andern von der Bühne trotte, nahm sich der Mischer Benni zur Seite und flüsterte in dessen Ohr: „Ist doch okay, dass ich die Tröte ausgestellt habe, oder? Noch nie so etwas nerviges gehört. Aber sags ihm nicht, scheint wichtig für sein Ego zu sein.“ Grinsend machte sich Benni auf den Weg zu den anderen in den Backstageraum, um zu sehen, ob sich der magische weiße Kasten wieder wie von Zauberhand gefüllt hatte. Nein, die sieben Musiker wurden nicht enttäuscht.

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